Yoga heißt zu sein mit dem, was ist.
Heute ein paar Gedanken, die ich seit einigen Wochen mit mir trage und bewege und die heute in die Welt möchten… Sie sind Nachklang aus Gesprächen und Beobachtungen in der Welt des Yoga.
Diese Yoga-Welt ist so weit, vielfältig und überall präsent. Menschen kommen mit Bildern und Erwartungen an den Yoga und an sich selbst in meine Kurse und zur Einzelbegleitung.
Wie verstehe ich den Yoga? Was erwartet dich, wenn du zu mir zum Yoga kommst? Und was vielleicht findest Du bei mir auch nicht?
Um das zu beantworten, nehme ich das Yoga Sūtra zu Hilfe und fange hier ganz von vorne an:
„Yogacittavrittinirodah“ (Patanjali, Yogasūtra. 1.2)
So beginnt der Text.
Das heißt:
„Yoga ist die Fähigkeit, den Geist auf ein Objekt, einen Gegenstand oder eine Frage auszurichten und in dieser Ausrichtung ohne Ablenkung zu verweilen“. (Übersetzung: T.K.V. Desikachar)
Was das n i c h t heißt: Yoga ist die Fähigkeit, in der Vorbeuge die Hände mit durchgestreckten Beinen zum Boden zu bringen.
Was das n i c h t heißt: Yoga ist die Fähigkeit, den Sonnengruß ausschließlich ohne Zuhilfenahme des Hockers üben zu können.
Was das auch n i c h t heißt: Yoga ist, Schmerz zu ignorieren, damit das geht, von dem ich glaube, dass es gehen „sollte“ oder gehen „müsste“.
Yoga heißt natürlich, den Körper zu bewegen. Dafür sind die Āsanas da. Gemeint ist für mich Beweglichkeit u n d Kräftigung zu trainieren, sodass der Körper die Anforderungen des Alltags gut meistern kann. Es heißt, ihn zu unterstützen, sodass er im Alltag möglichst gesund und schmerzfrei sein kann. Besonders das Thema Dehnbarkeit und der Wunsch, möglichst dehnbar zu sein, taucht in den Yogakursen immer wieder auf. Ich wende ein: Ich bin nicht „besser“ im Yoga, wenn ich dehnbarer bin. Maximale Dehnung ist nicht das Ziel von Yoga. Und es ist auch nicht gesund und kann einiges an Schaden anrichten.
Ich meditiere auch nicht besser, wenn ich mit gekreuzten Beinen am Boden sitze. Ich meditiere besser, wenn Aufrichtung im Rücken leicht ist, wenn Knie nicht schmerzen und ich so meine Ausrichtung halten kann. Das geht wunderbar, wenn ich auf einem Stuhl oder Hocker sitze.
Worum es stattdessen geht…
Yoga ist die Fähigkeit zu koordinieren: Die Bewegung mit dem Atem; die gleichzeitige Bewegung von verschiedenen Teilen des Körpers. „Fortgeschrittener“ Yoga heißt für mich, langsamer werden zu können, den Atem leicht führen zu können und dabei „bei der Sache zu bleiben“; sich nicht ablenken zu lassen; von der Nachbarin auf der Matte, von der Fliege an der Wand… oder den eigenen Gedanken. Yoga heißt für mich, langsamer werden zu können, ohne in Unruhe zu verfallen, feinere und subtilere Bewegungen auszuführen.
Und wenn der Körper schmerzt, dann schmerzt er. Und wenn er müde ist, ist er müde. Dann ist das seine Art zu sagen, dass etwas nicht in Ordnung ist; dass es Veränderung braucht; dass vielleicht gerade etwas nicht möglich ist. Yoga heißt, den Grenzen Respekt zu zollen.
Yoga ist kein Ort der Selbstoptimierung.
Yoga ist Schulung von Wahrnehmung. Yoga heißt, besser darin zu werden, dem zu lauschen, was von innen, aus diesem Körper, zu mir kommt. Yoga lehrt mich eine vielleicht völlig neuartige Beziehung zu meinem Körper, meinen Emotionen und meinen Gedanken.
Yoga ist die Fähigkeit, beobachten zu lernen, ohne zu bewerten. Yoga ist die Fähigkeit, Annehmen zu praktizieren, auch das Annehmen von Situationen, in denen vielleicht etwas nicht so möglich ist, wie ich es gewohnt bin. Yoga heißt, dann z.B. zu sich zu sagen: Heute geht die Vorbeuge nicht so intensiv, mein Rücken schmerzt; oder: Am leichtesten kann ich meine Ausrichtung halten, wenn ich auf einem Hocker sitze.
Und – schließlich - auch eine Lehre des Yoga: „Irgendwas geht immer“. Vielleicht nicht das, von dem ich denke, dass es jetzt gehen „sollte“ oder „müsste“. Yoga führt mich dazu, den Blick immer darauf zu richten, was jetzt möglich ist und nicht danach zu greifen, was im Moment nicht geht.
Dazu gäbe es noch viel zu sagen…. Sicherlich ein andermal mehr.
Grüße von Herzen, wo auch immer Du dies gerade liest.