Yoga und Weltflucht – oder: Ist Meditation egoistisch?


Einige Gedanken zum Buch Yoga von Emmanuel Carrère

Wenn ich mein Mittagessen zubereite, höre ich gerne „Studio 9“, eine Sendung von Deutschlandfunk Kultur, in der die Themen des Tages vom Moderator mit einem Gast aus den Bereichen Politik, Wissenschaft oder Kultur besprochen und diskutiert werden.

Vor einigen Wochen war dort Ijoma Mangold, Literaturkritiker u.a. bei der Wochenzeitschrift die ZEIT, zu Gast bei Korbinian Frenzel. Und weil Mangold gerade den neuen Roman Yoga des französischen Schriftstellers Emmanuel Carrère in der ZEIT rezensiert hatte, begann Frenzel das Gespräch mit einem: „Na, Herr Mangold, heute schon Yoga gemacht?“

Immer wieder fällt mir in solchen Diskussionen über Yoga, vor allem wenn sie unter Männern geführt werden, der leicht süffisante, ironische, manchmal offen abfällige Unterton auf. Yoga, das ist so ein komisches Ding, bei dem es in erster Linie darum geht, sich zu verbiegen und komisch verrenkte Posen einzunehmen; richtiger Sport ist es irgendwie auch nicht, denn dafür geht es zu viel ums Atmen und um Chakren, die in Balance gebracht werden müssen. „Ich habe heute morgen übrigens kein Yoga, sondern 40 Liegestütze gemacht“, so beendet Frenzel das Interview mit Mangold. Was für ein Haudegen. Das ist mal was Handfestes.

Mir zeigen solche Gespräche vor Allem eins: Dass Yoga in Literatur, Rundfunksendungen und Werbeclips[1], d.h. letztlich allerorten in der Gesellschaft angekommen ist; dass mindestens jeder jemanden kennt, der Yoga macht; dass aber das Wissen über das, was Yoga eigentlich vor 2000 Jahren in einer uns fremden Kultur war und was es heute noch ist, welche Ziele es hatte und welche davon heute noch in unsere Gesellschaften zu übertragen und passend sind, im Vergleich dazu verschwindend gering ist. Und daran ändert der Yoga Roman von Carrère, der im Moment in jeder gut sortierten Buchhandlung zu finden ist – leider – auch nichts.

Eine Idee, die neuerdings häufig im gleichen Atemzug mit dem „Verrenken“ und „Verbiegen“ auftaucht, ist die Verbindung von Yoga und Weltflucht. Meint: Yoga ist so ein Wellness-Wohlfühlding, das zum Ziel hat, sich möglichst weit aus der Welt mit ihren realen Problemen wegzubeamen. Betrieben werde es von einer „Achtsamkeitsbourgeosie“, so ist zu lesen[2], die nichts anderes als ihr „Selfcare-Programm“ im Kopf habe und darüber vergesse, dass es reale gesellschaftliche Probleme gebe. Chefs z.B., die ihre Mitarbeiter*innen tyrannisieren, ein kapitalistisches System, das Menschen und Arbeitskraft ausbeutet und oftmals psychisch krank macht. Von Klimakrise und Kriegen, die von Despoten angezettelt werden, ganz zu schweigen. Yoga wird in dieser Argumentationslogik gleichgesetzt mit Weltflucht, einer Welt, die zu laut, zu unübersichtlich, zu sinnlos, zu gefährlich, insgesamt zu viel geworden ist. Und in der sich zu engagieren, so dass bestehende Probleme wirklich an der Wurzel gepackt werden könnten, durch Yoga vermieden, wenn nicht gar verhindert wird. Moment mal... kennen wir das nicht? Yoga als „Opium für‘s Volk“ quasi.

Dem Yoga wird vorgeworfen, das kapitalistische System zu fördern, indem er Menschen dahingehend trainiere, nur noch sich selbst in den Blick zu nehmen und egozentrisch um sich selbst zu kreisen. Diese maximal an das System angepassten Menschen suchen dann die Probleme ihres Lebens ausschließlich im eigenen „Mindset“, d.h. erkennen sie als selbst kreiert und eben nicht als sozial-systemisch verursacht. Der gestresste Arbeitnehmer, der sich eigentlich mit seinem Chef über das schlechte Arbeitsklima auseinandersetzen müsste, der eine Gehaltserhöhung fordern müsste, zieht sich auf die Matte zurück, atmet drei mal tief aus und erkennt, dass alle Schwierigkeiten eigentlich nur im eigenen Geist existieren. Dass er sich „einfach mal entspannen muss“, oder noch „mehr an sich selbst arbeiten“, einfach noch „positiver“ werden muss. So ungefähr jedenfalls.

Der oben angesprochene Roman von Emmanuel Carrère stößt in dasselbe Horn. Der Protagonist, der viel mit dem Autor gemein hat (der Text ist offen autobiographisch), beginnt seine Reise in einem Vipassana Meditationsretreat, wo seine Aufgabe für 10 Tage darin besteht, den Atem in seiner Nase zu beobachten. 10 Tage schweigend und konzentriert auf sich selbst, ohne Austausch mit den anderen Teilnehmenden und selbstverständlich ohne Handy, d.h. Kontakt zur Außenwelt.

Doch alles kommt anders, denn mit einem Paukenschlag bricht das Leben von jenseits der klösterlichen Mauern in die Stille ein. Es ist Januar 2015, und in Paris geschehen die schrecklichen Anschläge auf die Redaktion der Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo. Ein Freund Carrères wird dabei getötet und der Autor wird gebeten, das Retreat abzubrechen und sofort nach Paris zu kommen, um die Trauerrede auf der Beerdigung des Freundes zu halten. Und schon während Carrère auf der Fahrt im Taxi vom Kloster zum Bahnhof ist, in diesem Übergangsraum von der Meditations- hin zur „wirklichen“ Welt, überkommt ihn die Frage nach dem Sinn seines Tuns. Was nützt all dieses Atmen und Schweigen, das Beobachten der Nasenhärchen, wenn in der Welt WIRKLICH schlimme Dinge passieren? Was nützt seine einsame Meditationspraxis angesichts von REALEM Leid und Elend? Muss man nicht TUN, statt schweigend und einsam auf einem Kissen sitzend seiner Yogapraxis nachzugehen?

Im Verlauf treibt der Roman diese Frage weiter auf die Spitze. Denn es passieren erneut fürchterliche Dinge. Carrère selbst rutscht in eine dramatische psychische Krankheit ab, die ihn schließlich sogar in die Psychiatrie führt. Meditation? Was ist das für eine komische Idee angesichts WIRKLICHER Krankheit des Geistes. Vollkommen absurd erscheint es dem Autor, in seinem desolaten Zustand seine Meditationspraxis aufzugreifen. Was hilft, sind Psychopharmaka und Elektroschocks, verabreicht von den Ärzten der Klinik. So stabilisiert er sich, kann sein Leben wieder aufnehmen - doch das Leid bricht erneut ein. Carrère verbringt den folgenden Sommer im Haus der Familie auf einer Insel in der Ägäis. Es ist die Zeit der großen Migrationsbewegungen aus dem Nahen und Mittleren Osten, und auf ihrem Weg nach Europa stranden viele der Flüchtenden in Griechenland. Carrère kommt in Kontakt mit Jugendlichen, die auf ihren Fluchtwegen Grauenhaftes erlebt haben und verängstigt und haltlos auf Lesbos stranden. Tai Chi und Yoga tauchen hier als eine Art von Spiel auf, das Carrère den Kindern beibringt, das aber außer lustige Bewegungs-Zerstreuung keine weitere Funktion hat. Und ganz in diesem Ton endet das Buch. Carrère verbringt seinen Urlaub mit einer neuen Geliebten auf Mallorca, die Freundin ist Yogini. Sie macht „ein bisschen“ Yoga allerdings, „kein feierliches, meditatives Yoga, das der Auslöschung der Vritti, dem Ausweg aus dem Samsara …gilt… sondern das, das junge Frauen auf der ganzen Welt machen, die genau wie diese hier finden, dass es eine ganz wunderbare Gymnastik ist…“ (339 f.). Das Buch über Yoga, das der Autor eigentlich hatte schreiben wollen, mit all seinen Erklärungsansprüchen über das, was Yoga ist und vor allem wozu es gut ist, hat sich am Ende quasi selbst ad absurdum geführt. Das WIRKLICHE Leben hat den Autor eingeholt und eines Besseren belehrt. Und Yoga ist auf seinen Platz eines angenehmen Zeitvertreibs verwiesen worden, keinesfalls jedoch als Mittel, Leid zu lindern und wahre Probleme zu lösen.

All das verwundert und lässt einen etwas ratlos zurück angesichts der Tatsache, dass Carrère sich im Buch auch als ein seit Jahrzehnten Forschender und Lernender auf dem Gebiet des Yoga präsentiert. Nicht nur hier, sondern auch in anderen fernöstlichen Praktiken wie Meditation und Tai Chi hat er viele Erfahrungen gesammelt und sich dazu sogar in das Studium alter Texte gestürzt. So beschreibt er, wie er über Wochen voller Enthusiasmus im Café sitzend Patanjalis Yoga Sutra studiert. Und genau deswegen ist es so verwunderlich, dass er, der offensichtlich so viel über diesen alten Text des Yoga weiß, dessen Kern angesichts der im Roman geschilderten, unfassbaren Häufungen leidvoller Erfahrungen so gar nicht ins Spiel bringt: Denn Patanjali geht es ja im Wesentlichen um die Frage nach menschlichem Leid, nach duhkha. Leid, so das Yoga Sutra, ist in der Welt, diese Situation ist Teil der conditio humana. Hinzu kommt, dass wir Menschen von inneren Kräften angetrieben werden, die uns selbst und das menschliche Kollektiv insgesamt immer wieder in leidvolle Situationen und Handlungen verstricken und sie hervorbringen.

Was können Yoga und Meditation hier ausrichten? Carrères Abschlussthese ist: letztlich nichts. Sie zu betreiben mag ein netter Zeitvertreib, eine „ganz wunderbare Gymnastik“ sein, aber keinesfalls geeignet, Abhilfe angesichts einer aus den Fugen geratenen Welt zu schaffen.

Wahr an Carrères These ist: Wenn ich auf meiner Matte sitze und den Atem beobachte oder durch meine Asanapraxis gehe, dann lindere ich in diesem Moment nicht die grausame Situation von Flüchtlingen auf dieser Welt; ich verhindere keine Attentate und nicht das Sterben von Menschen. Wahr ist auch, dass es manchmal Medikamente und das Wissen von Psychiatern braucht um Krankheiten des Geistes und der Seele zu behandeln.

Und dennoch bleibt das Bild über Yoga auf diese Weise unvollständig und wird von Carrère m.E. nicht zu Ende gedacht. Denn es fehlt bei ihm in gewissem Sinn der zweite Schritt nach dem ersten, nämlich die Frage zu beantworten: Warum überhaupt sollte ich Yoga praktizieren, warum überhaupt sollte ich mich darin üben, mich auf meinen Atem zu konzentrieren? Das heißt, wohin führt mich diese Praxis der Asanas? Die Übung in stiller Konzentration? Was passiert, wenn ich mich dieser Praxis konsequent, über einen längeren Zeitraum und unter fachkundiger Anleitung hingebe?

Ein Blick ins Yoga Sutra genügt. Patanjali erklärt es, in seiner schlichten Einfachheit, und zwar gleich zu Beginn des Textes: Weil nämlich, so sagt er in Sutra 1.3., die Ausrichtung auf einen Gegenstand eine bestimmte Wirkung hat, und diese Wirkung betrifft die Funktionsweise unseres Geistes. Yoga ist eine Praxis, die unseren Geist in eine bestimmte Art des Funktionierens führt, in einen bestimmten „Arbeits-Modus“ könnte man sagen; dieser Modus ist anders als sein alltäglicher Modus, sein alltägliches Funktionieren: Da ist der Geist zerstreut, er hastet von der Gegenwart in die Vergangenheit, springt von dort in die Zukunft, im Sekundentakt wechselt er die Orte, die Stimmungen und die Gefühlslagen, er kann sich nicht beruhigen. Das kennen wir alle. Und unsere gegenwärtige Welt pusht diesen Alltagsgeist weiterhin ordentlich: permanente Reize, dauerhafte Erreichbarkeit, Lärm und Hektik von Städten, kollektive Ängste, angefacht durch (soziale) Medien usw. Ein Geist, der auf diese maximal zerstreute und unruhige Art und Weise arbeitet, täuscht sich Patanjali zufolge permanent über die Dinge. Er irrt sich. Er verkennt. Er schätzt falsch ein. Menschen, Situationen, Handlungen, Verhalten. Und diese Irrtümer, dieses falsche Verstehen produziert und verstrickt uns in Handlungen, die leidvolle Konsequenzen haben.

Anders, wenn der Geist im Yoga-Modus arbeitet: Dann sind wir in der Lage, so Patanjali, klar und richtig zu erkennen; uns nicht in die Irre führen zu lassen; dann haben wir die Fähigkeit, Muster und Strukturen zu erkennen, die unser Handeln immer wieder in die gleichen leidvollen Wiederholungen führen. Stattdessen können wir es anders machen, wir können anders HANDELN. Das Yoga Sutra befasst sich sehr explizit auch mit dem Handeln. Es zeigt uns auf, was passiert, wenn wir handeln, ohne die Lage vollständig erfasst zu haben. Und was im Gegenzug passieren kann, wenn wir die Dinge und Situationen richtig einschätzen, und unsere Handlungs-Entscheidungen auf der Basis eines ruhigen Kopfes und dem Durchdringen zum Beispiel von Konsequenzen treffen.

Und letzteres ist Folge aus Praxis, z.B. der Praxis, meinen Atem an der Nase zu beobachten. Ohne eine solche regelmäßige Praxis werden sich die eingefahrenen Strukturen des Geistes nicht verändern. Man sitzt also nicht aus Egoismus, Weltflucht oder Selbstzweck auf dem Kissen, sondern ganz im Gegenteil. Man sitzt dort, um im Anschluss in der realen Welt in all ihrer Komplexität die richtigen Entscheidungen zu treffen, d.h. solche, die Leid möglichst verhindern. Leid für mich und für andere. Das könnte z.B. heißen, um das eingangs zitierte Beispiel der Arbeitswelt wieder aufzugreifen, das unangenehme Gespräch mit dem Chef zu suchen. Das könnte auch heißen, Konsequenzen aus einem toxischen Arbeitsklima zu ziehen und zu kündigen. Das könnte auch heißen, sich politisch zu engagieren und sich einzusetzen z.B. für einen Planeten, den auch die eigenen Enkelkinder noch bewohnen können.

 Diese medialen Diskussionen um Yoga, wie die eingangs zitierte zwischen Mangold und Frenzel, drehen sich immer um das, was nach außen hin von Yoga und Meditation sichtbar ist: Auf ihren Kissen sitzende oder akrobatische Yoga Positionen ausführende Menschen. Vergessen – oder nicht gewusst – wird immer wieder, dass das „Nasenhärchen beobachten“ eben kein Selbstzweck ist, wenn man Yoga zu Ende denkt. Sondern dass sich für einen Augenblick zu konzentrieren nichts anderes als die Voraussetzung dafür schafft, anschließend in der Welt zu gehen und in ihr gute Entscheidungen zu treffen; und zwar für sich selbst und für andere und für die Welt als Ganzes. Kein Eskapismus also. Keine Egozentrik. Denn das wäre falsch verstandener Yoga, wenn man glaubte, er führte einen nicht auch genau dorthin: in die Welt und in das Handeln.

 

Emmanuel Carrère: Yoga . Matthes & Seitz, 2022.


[1] Der aktuelle Werbeclip einer bayrischen Biermarke arbeitet mit demselben Subtext: drei Männer an einem Sommerabend im Garten, genüsslich ihr Weissbier schlürfend, stellen augenzwinkernd fest, dass Entschleunigung auch „ganz ohne Verbiegen“ geht.

[2] https://www.zeit.de/kultur/2022-03/yoga-selbstfuersorge-emmanuel-carreres-feuilleton-podcast?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.ecosia.org%2F (Stand: 08.11.2022)