Loslassen ist Nicht-Tun

 

Wie schön es doch wäre loszulassen…

... die Ängste um die Zukunft, 

... die Geldsorgen, 

... den Schmerz oder die Wut bei dem Gedanken an den/die Ex-Partner*in,

.... die schwierige Kindheit, die Eltern, die leidvolle Vergangenheit, ...

 “Lass einfach los!”

 ... das raten uns Freund*innen, Artikel in Zeitschriften, Posts auf Instagram. Wir finden 3- oder 5-Schritte-Programme, die uns erklären, wie es geht, das Loslassen. Was wir dafür tun müssen. 

In den letzten Tagen versuche ich, diese Idee vom Loslassen mit dem Yoga Sutra zusammenzubringen; auch hier geht es an einer oft zitierten Stelle eben darum, um das Loslassen. In Sutra 1.12 nennt Patanjali zwei Dinge, die er auf dem Yogaweg für wichtig hält: „abhyasa vairagya“ – übersetzen kann man diese beiden Sanskritworte als „tun und loslassen“. 

Patanjali stellt die beiden Begriffe im Sutra direkt nebeneinander. Und wie so oft, wenn er das tut, handelt es sich dann um etwas, das er als semantischen Gegensatz betrachtet. Abhyasa ist Tun, ist Aktivität, ist Handeln. Ich kann etwas willentlich erzeugen, mich bemühen, mich anstrengen. Disziplin bringt mich dazu, täglich auf die Matte zu gehen und meine Yogaübungen zu machen.

Vairagya, Loslassen, ist von einer gänzlich anderen Art. Vairagya ist nicht (vai) wollen (raga). Vairagya beschreibt einen Zustand, indem ich davon lasse, etwas unbedingt haben zu wollen. Und eben das geschieht, wenn ich nicht tue. Wenn ich nicht in Aktivität bin. Eventuell entsteht das Lassen als Folge meines Tuns. Vielleicht tue ich zunächst etwas Bestimmtes und schaffe damit gleichsam gute Voraussetzungen für das Loslassen. Aber das Loslassen selbst ist der Moment, wenn ich nichts (mehr) tue. 

Loslassen ist also von einer grundsätzlich anderen Art als Tun. Es gehört, um es in einen Begriff der Philosophie zu fassen, einer anderen Ontologie an. In diese Kategorie des Loslassens fallen für mich zum Beispiel Dinge wie:

- das Einschlafen -- unmöglich, es willentlich herzustellen. 

- die Pause zwischen zwei Atemzügen -- sie entsteht von selbst, ich kann sie nicht „machen“ (anders zum Beispiel als das bewusste Anhalten des Atems… wie oft wird das im Yoga verwechselt, aber das ist ein anderes Thema… )

- Schmerzen oder unangenehme Gefühle beenden -- ich kann nicht willentlich entscheiden, keinen Schmerz mehr um einen Verlust in meinem Leben zu haben oder nicht mehr zu trauern. Vielleicht kann ich mich aktiv ablenken. Aber das ist nicht das gleiche wie das Ende des Schmerzes oder der Traurigkeit herbeizuführen.

Ich kann meine geballte, angespannte Faust öffnen und selbst dies ist noch ein Akt des Tuns. Ich kann meine Schultern sinken lassen und selbst dazu weise ich bewusst meine Muskeln an, sich zu entspannen. Das Loslassen geschieht von alleine. Es ist – vielleicht –  Resultat meines Tuns; vielleicht aber auch nicht. 

Loslassen ist eine Kategorie, die in meinen Augen falsch verstanden ist, wenn wir glauben, sie willentlich herstellen zu können. Sie ist verbunden mit den Qualitäten von Warten, Geduld, von „sich in etwas ergeben“; das englische Verb „to surrender“ bringt diese Idee des sich Hineingebens, des sich Fügens so gut zum Ausdruck.

Mit all diesen Attributen aber scheint das Loslassen so gar nicht in unsere Welt zu passen; wir sind es gewohnt zu machen; herzustellen; aktiv unseres Glückes Schmied zu sein. Der Gedanke, dass wir unsere Welt selbst kreieren und dazu eben auch „einfach“ loslassen, was wir nicht in dieser Welt haben wollen, zieht sich wie ein roter Faden durch so viele Diskurse und unser Denken, oftmals auch in der Yogaszene. Wir machen Yoga und hier tun wir „aktiv” etwas dafür “loszulassen“.

Wenn wir nichts tun (können), wenn wir warten (müssen), uns hingeben, dann verlieren wir die Kontrolle. Keinen Einfluss auf die Dinge zu haben, das sind wir nicht gewohnt. Das rührt an Ängste. Macht uns unruhig. Mit Tun können wir uns ablenken und haben unser Leben (scheinbar) im Griff. 

Wenn aber die Welt und wir Menschen in ihr nur Aktivität kennen, nur das Handeln, nur Kontrolle, dann gehen wichtige Qualitäten verloren. Zu erkennen, zu fühlen, dass nicht alles in unserer Hand liegt; dass manche Dinge Zeit brauchen, um dann (scheinbar) von ganz alleine zu passieren. Dass wir manchmal eben nichts tun, sondern uns nur hingeben können. Weil wir letztlich nicht über alles die Kontrolle haben. Weil wir als Menschen eingebunden sind in etwas, dessen Komplexität uns und unsere Fähigkeiten der Wahrnehmung übersteigt.

Beide Qualitäten braucht es, folgen wir dem Yoga Sutra: Das Tun und das Loslassen; die  Aktion und das Sich Hineingeben, das Handeln und das Abwarten. Auf der Yogamatte ebenso wie im „echten Leben“.

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