Ich arbeite mit Menschen, die einen Wunsch nach Veränderung haben. Wer zum Yoga kommt, der möchte weniger Rückenschmerzen haben, möchte gelassener werden, besser schlafen können oder anderes mehr. In der 1:1 Situation der Yogatherapie geht es sehr konkret und individuell um die Veränderung eines körperlich oder emotional belastenden Zustandes, der mit den Mitteln des Yoga behoben oder wenigstens gelindert werden soll; ins Coaching kommen Menschen, die an einem Punkt sind, an dem es „so nicht mehr weiter geht“….
Was heißt es eigentlich, sich zu verändern? Was passiert in uns, wenn wir uns neu, anders als gewohnt, verhalten; wenn sich ein Charaktermerkmal zeigt, das vorher nicht sichtbar war, wenn wir Neues lernen und in unser Leben integrieren?
Was ist Veränderung? Und: Was ist meine Rolle in diesen Veränderungsprozessen?
Man könnte annehmen, dass wir durch Veränderung neue Qualitäten gewinnen: Etwas wird hinzugefügt zu dem, was wir schon sind, was wir können oder haben; oder, verkehrt ins Gegenteil: Etwas wird „weggemacht“, die leidigen Rückenschmerzen zum Beispiel oder unser aufbrausendes Temperament, oder….
Diesem Bild von Veränderung liegt etwas zugrunde, das ich gerne als Mangelparadigma bezeichne. Wir haben etwas (noch) nicht, das wir aber haben sollten, wir sind irgendwie unvollständig, defizitär, im schlimmsten Falle „falsch“; es geht darum, sich neue Skills anzueignen, die unserem System hinzugefügt werden müssen. In der Umkehrung dessen soll aus dem System etwas verschwinden, es soll gleichsam herausgekürzt werden und nicht mehr da sein.
Zwei Seiten einer Medaille, plus und minus, denen jedoch derselbe Grundgedanke eigen ist: Wir sind nicht richtig, nicht vollständig. Wir sind zu viel oder zu wenig, wir brauchen mehr, müssen etwas haben, auffüllen oder eben wegmachen, auflösen....
Die Beschäftigung mit der Yogaphilosophie Patanjalis, dem Autor des Yoga Sutra, hat mir einen spannenden, anderen Blick auf das Thema Veränderung gebracht. Er lässt sich kurz in dem Satz zusammenfassen: Alles ist schon da. Nichts muss hinzukommen, nichts muss weggenommen werden. Wie ist Veränderung in diesem Sinn zu verstehen?
Zunächst einmal: Veränderung ist ein großes Thema im Yoga Sutra. T.K.V. Desikachar, einer der wichtigsten Vini-Yoga Lehrer, dessen Yoga-Verständnis und Unterricht sich stark am Yoga Sutra orientiert, hat Yoga in genereller Hinsicht als Prozess der Veränderung definiert: Yoga heißt, dass wir „von einem Punkt zum anderen gehen“ oder „dass wir einen Punkt erreichen, an dem wir vorher noch nicht gewesen sind“. Ganz schlicht also: Im Yoga bewegen oder verändern wir uns von einem gegenwärtigen Zustand hin zu einem Zustand, an dem wir gerne sein möchten.
Der Sanskritbegriff für Veränderung ist parinama, der nichts anderes beschreibt als ein Grundprinzip unseres Lebens, das wir auch aus anderen Kulturen kennen, allen voran der griechischen Philosophie Heraklits; von ihm ist, über Platon, das berühmte panta rhei überliefert, in der Übersetzung häufig auf die kurze Formel „Alles fließt“ gebracht. Veränderung ist ein Prinzip des Lebens, und sie ist ständig da: In jedem Augenblick verändern sich Zellen unseres Körpers ebenso wie die Natur um uns herum, die Zeiten des Tages, des Jahres usw. Wir können uns nicht nicht verändern. Veränderung ist Teil unseres Lebens, und wir haben auf diese Veränderungen mal mehr, mal auch gar keinen Einfluss.
Diese Erkenntnis kann – nicht nur aus Yoga Sutra Perspektive – Leid erzeugen, weil sie uns mit unserer Vergänglichkeit und mit Verlust in Kontakt bringt. Nicht alles wird immer so sein und bleiben, wir werden unvermeidlich alt, vielleicht sogar krank und irgendwann auch sterben müssen; und dieser Übergang vom Leben zum Tod ist für uns Menschen sicher die größte, unvorstellbarste Veränderung überhaupt. Auch diesem Zusammenhang zwischen Veränderung und Leid widmet sich das Yoga Sutra... doch davon soll an anderer Stelle die Rede sein.
Hier interessiert mich vor Allem die Sicht des Yoga auf den Prozess der Veränderung, d.h. die Frage, was Veränderung ist und wie Veränderung geschieht. Und da finde ich die oben bereits erwähnte Grundidee, die heißt: „Alles ist schon da“. Veränderung aus der Perspektive des Yoga heißt also nicht(!), dass etwas Neues hinzukommt oder etwas Altes sich in Luft auflöst, sondern dass das, was prinzipiell als Potenzial schon angelegt ist einem Menschen (oder weiter gefasst allem Lebendigen), sich neu oder anders ordnet, sich neu zusammenfügt. Nichts kommt hinzu oder wird weggenommen; das, was schon da ist, verschiebt sich lediglich, sortiert sich neu, setzt sich anders zusammen.
Ein Mensch, der von Ängsten geplagt ist, beginnt, im Yoga Atemtechniken zu lernen, mit denen er die Erfahrung von Beruhigung machen kann. Er übt diese Techniken, integriert sie in sein Leben und sein Nervensystem lernt mit der Zeit, sich zu regulieren. Diese Fähigkeit, ruhiger und weniger angstvoll zu sein, ist nicht neu dazugekommen; vielmehr ist es so, dass ein vorhandenes, ungutes Gleichgewicht im Nervensystem sich verschoben hat in Richtung eines anderen, dass jetzt von mehr Ruhe und Gelassenheit geprägt ist. Vielleicht hatte sich das Nervensystem dieses Menschen durch viel Stresserfahrung ungünstig entwickelt und war leicht überzuerregen. Jetzt hat sich etwas verschoben, neu sortiert. Im Nervensystem ist das „Potenzial“ der Beruhigung angelegt; es muss nicht neu hinzugefügt werden, lediglich müssen (kluge) Impulse gegeben werden, sodass es sich in diese Richtung bewegen kann.
Alles ist schon da: Es ist das Bild eines Samenkorns, in dem der ganze große Eichenbaum schon angelegt ist. Er ist im Potenzial seiner Größe schon da, auch wenn er noch so klein ist. Der Baum entwickelt sich und verändert dabei lediglich seine Form vom Samenkorn hin zur großen ausgewachsenen Eiche mit Stamm, Ästen und Blättern. Damit dies geschieht, braucht der Eichensamen nichts Neues hinzuzufügen; was er aber braucht sind gute Bedingungen für seine Entwicklung: einen nährstoffreichen Boden, Licht, Wasser, Raum. Bekommt er dies nicht in ausreichendem Maße, wird er nicht nicht, aber in einer anderen Form erscheinen.
In diesem Blick auf Veränderungen stecken viele implizite Konsequenzen und einige möchte ich hier kurz beleuchten.
Zum Einen: Veränderungen auf diese Weise zu begreifen heißt, von dem Gedanken Abstand zu nehmen, dass Alles möglich ist. Es wäre falsch, aus „Alles ist schon da“ „Alles ist möglich“ zu machen; viele Dinge gehen auch nicht, wir sind in unseren Möglichkeiten, uns zu verändern, begrenzt. Das ruft Themen wie Trauer und auch Demut auf den Plan. Aus einem Eichensamen kann keine Birke werden. Ich kann die Größe und Statur meines Körpers nicht verändern, es gibt bestimmte Anlagen, die in meiner DNA festgeschrieben sind.
Zum Zweiten, de gute Nachricht: Innerhalb dieses Rahmens, kann ich die Potenziale jedoch bewusst nehmen und nutzen, um Veränderungen anzustoßen und zwar so, dass sie in eine Richtung gehen – die, um es in das Bild der Eiche zu fassen – aus meinem Samenkorn einen wunderschönen großen starken Baum entstehen lassen.
Was ich dafür tun muss ist, gute Bedingungen für Wachstum zu schaffen. Ich muss intelligente Impulse in mein System geben, damit Entwicklung in diese Richtung möglich wird.
Das Yoga Sutra geht dabei von der Annahme aus, dass diese Impulse in erster Linie Hindernisse beseitigen. Hindernisse müssen beseitigt werden, damit das zum Vorschein kommen und sich zeigen kann, was schon da ist.
Was hindert mein Nervensystem daran, sich zu regulieren und in Ruhe zu kommen? Was hindert mich daran, mein Handy abends wegzulegen und stattdessen einen Spaziergang im Wald zu machen? Was hindert mich daran, gesünder zu essen, mehr zu schlafen? Das herauszufinden und aus dem Weg zu räumen, damit neue Verhaltensweisen sprichwörtlich „in Erscheinung“ treten können, darum geht es.
Patanjali benutzt dafür das Bild eines Bauern, der den sein Feld umgebenden Damm mit einem Spaten durchbricht, damit Wasser auf sein Feld fließen und die Pflanzen wachsen können. Der Bauer arbeitet indirekt: Er gibt einen Impuls und beseitigt ein Hindernis; er arbeitet nicht direkt auf dem Feld, er zieht nicht an den Pflanzen oder reißt sie aus. Er schafft schlicht gute Bedingungen für Wachstum, für eine Form-Veränderung der Pflanzen aus den Samenkörnern.
Zum Dritten: Diese Sichtweise auf Veränderung bedeutet, dass ich, wenn ich mit Menschen in Kontakt bin, sicher sein kann, dass ich immer nur eine Momentaufnahme, eine mögliche Seins-Art oder Verhaltensweise sehe; wir wissen nicht, was Menschen in sich tragen, welche anderen Formen sie annehmen oder wie sie sein können, wenn sich (innere oder äußere) Bedingungen verändern. Das heißt für mich, Obacht vor deterministischen Gedanken wie „XY ist aber wirklich so und so“; oder auch, bezogen auf mich selbst: „so bin ich nun mal“; oder: „die sollte mal dies tun, dann wird schon das dabei rauskommen“.
Und schließlich: Für mich bedeutet die „Alles ist schon da“ Sichtweise auf Veränderung auch ein Menschenbild, das nicht den zu behebenden Mangel in jemandem sieht. Menschen können sich verändern, auf ihre ganz eigene Art und Weise, in ihren Rahmenbedingungen, in ihren Rhythmen und eigenen Zeiten. Veränderung bedeutet nicht für alle dasselbe und geht schon gar nicht nach Schema X. Und hat vor allem nicht zwangsläufig das Ziel, mehr, höher, schneller, weiter, effizienter. Wir sind nicht alle gleich; wir sind wunderbar unterschiedlich, mit unseren Anlagen, Körpern, Nervensystemen, Geschichten; worauf es ankommt ist, mich in meinen Möglichkeiten (und Grenzen!) zu erkennen und Veränderungen in diese ganz eigene Richtung anzustoßen und zu ermöglichen.
Für das Begleiten von Veränderungsprozessen heißt all dies für mich, dass es im Wesentlichen darum geht, Bedingungen zu schaffen, in denen Veränderungen möglich sind. Nicht direkt, sondern indirekt zu wirken. Möglichst kluge Impulse zu geben, die Veränderungen anstoßen, sodass Entwicklung in eine gute Richtung möglich wird.
Schlicht: eine Bäuerin zu sein, die alles Notwendige unternimmt, damit Wasser auf das Feld fließen kann, auf dem wiederum sich dann das gut entwickelt, was an Möglichkeit auf dem Feld „schon da ist“.